Jeju Olle Trail – der südkoreanische „Jakobsweg“

Für die ehemalige Journalistin Myung Sook Suh ist Wandern das beste Mittel, inneren Frieden zu erlangen. Davon will sie nicht nur ihre Landsleute, sondern am liebsten die ganze Welt überzeugen.

Jeju Olle Trail – der südkoreanische „Jakobsweg“

Schwarze Lavafelsen und weißer Sandstrand bilden einen wunderschönen Kontrast zum türkisblauen Wasser am Hyeopjae Beach. Im Wind baumeln Tintenfische, die ein Fischer gerade an Seilen zum Trocknen aufhängt. Myung Sook Suh blickt gedankenverloren aufs Meer. „Ich bin auf Jeju geboren und verbrachte hier meine Kindheit“, erzählt sie. „Schätzen gelernt habe ich die Schönheit der Insel aber erst viel später. Zunächst wollte ich hinaus in die große, weite Welt. Jeju war mir einfach zu eng.“

Als junge Frau studiert sie Journalismus an der renommierten Korea University in Seoul und arbeitet dann 20 Jahre lang bei einer Wochenzeitung, unter anderem als Koreas erste Chefredakteurin. Ihre kritischen Berichte über Politiker und mächtige Unternehmer bringen dem Verlag wiederholt Klagen vor Gericht und ihr selbst Morddrohungen ein. „Ich fühlte mich zunehmend ausgelaugt und krank“, erinnert sich Suh. Sie lässt sich von Kopf bis Fuß durchchecken – die Ärzte finden nichts. „Einer von ihnen meinte schließlich, drei Dinge könnten mir helfen: Stress vermeiden, das Arbeitspensum reduzieren und Sport treiben.“

Die Ex-Journalistin Myung Sook Suh ist die „Erfinderin“ des Jeju Olle Trail und Vorsitzende der Foundation.
Die Ex-Journalistin Myung Sook Suh ist die „Erfinderin“ des Jeju Olle Trail und Vorsitzende der Foundation.

Suh versucht es mit Sport. Nachdem sie mehrere Sportarten ausprobiert hatte, entdeckt sie das Wandern für sich. „Bei dieser Art von Bewegung kann ich perfekt Abstand von meiner Arbeit gewinnen und Energie auftanken.“ Sie wandert jede freie Minute und fühlt sich zunehmend besser. 2006 und 2016 legt sie rund 800 Kilometer von Frankreich bis ins spanische Santiago de Compostela auf dem Camino Francés zurück. Erlebnisse und Begegnungen auf dem Jakobsweg beeindrucken Suh zutiefst und verändern sie nachhaltig – und ihre Heimatinsel Jeju ebenso.

„Wie erholsam und meditativ könnten Wanderwege auf Jeju sein“, malt sie sich aus. „Sie wären die perfekte Möglichkeit, das viel zu hektische Leben zu entschleunigen und die Schönheit der Insel mit allen Sinnen zu erleben!“ 2007, ein Jahr nach ihrer ersten Wanderung auf dem Jakobsweg, zieht die damals 50-Jährige von Seoul nach Jeju. Die durch Vulkanausbrüche entstandene größte Insel Koreas liegt etwa 85 km vor der Südspitze der Koreanischen Halbinsel. Dort gründet Suh die gemeinnützige „Jeju Olle Trail Foundation“, die mit Hilfe von Spenden den Traum realisieren soll, auf der Insel ein System von Wanderwegen anzulegen.

Die einzelnen Abschnitte des Jeju Olle Trails.
Die einzelnen Abschnitte des Jeju Olle Trails.

„Wenn der Jakobsweg ein Pfad ist, um Gott zu begegnen, dann ist der Jeju Olle Trail ein Pfad, um sich selbst zu begegnen“, sagt sie. „Das Wandern auf dem Trail bietet Zeit für Reflexion und Kontemplation und lädt außerdem dazu ein, tief in die Geschichte und Kultur der Insel einzutauchen.“ „Olle“ ist ein altes koreanisches Wort und beschreibt einen schmalen Zufahrtsweg, welcher von der Hauptstraße bis zu einem Haus führt. „‚Olle‘ soll aber auch das Tor zur Welt für die Einwohner von Jeju bedeuten“, erklärt Suh. „Das Tor zur Welt“ sind heute 437 Kilometer Wanderwege, die Südkoreaner vom Festland, aber auch Gäste aller Nationen
anlocken.

Der Vulkan Hallasan prägt das Bild der Insel und ist mit einer Höhe von 1950 Metern der höchste Berg Südkoreas.
Der Vulkan Hallasan prägt das Bild der Insel und ist mit einer Höhe von 1950 Metern der höchste Berg Südkoreas.

Auf der touristischen Landkarte tauchte Jeju schon vorher auf, weil es wegen des gemäßigten subtropischen Klimas und der herrlichen Sandstrände die größte Bade- und beliebteste Honeymoonerinsel Südkoreas ist. „Jeju ist sozusagen das heimische Mallorca“, sagt Studiosus-Tourismusexperte Holger Baldus. „Aber dennoch findet man hier schöne ruhige Plätze abseits der Besuchermengen.“ Daran habe sich auch nichts geändert, als die Insel von der UNESCO 2007 den begehrten Welterbestatus erhält. Ausschlaggebend für die Auszeichnung sind drei spektakuläre Naturschauplätze: der Hallasan, Koreas höchster Vulkan; das unterirdische, weit verzweigte Lavaröhrensystem von Geomunoreum; und der küstennahe Tuffkrater Seongsan Ilchulbong.

Dass Jeju noch viel mehr als Strände und diese drei Orte zu bieten hat, erleben Wanderer auf dem Jeju Olle Trail, der das Eiland inzwischen lückenlos umrundet. Alle Routen haben gemeinsam, dass sie nicht künstlich angelegt wurden. „Es handelt sich um uralte Pfade, die von Menschen oder Tieren genutzt wurden, aber teilweise in Vergessenheit geraten sind“, erklärt Suh. „Sie sind allesamt unbefestigt, maximal einen Meter breit und gewähren Einblicke in die subtropische Landschaft, den Alltag der Einheimischen und unsere jahrhundertealte Kultur.“ Um die Wege zu neuem Leben zu erwecken, schnitten freiwillige Helfer zugewucherte Pfade behutsam frei. Aus Respekt vor der Natur rückten weder Bulldozer an, noch wurden Bäume gefällt oder Streckenabschnitte asphaltiert.

Der Jeongbang-Wasserfall ist der einzige in ganz Asien, der direkt ins Meer stürzt. Er liegt an der Südküste bei Seogwipo und ist ein Highlight von Route 6 des Jeju Olle Trails.
Der Jeongbang-Wasserfall ist der einzige in ganz Asien, der direkt ins Meer stürzt. Er liegt an der Südküste bei Seogwipo und ist ein Highlight von Route 6 des Jeju Olle Trails.

„Als ich damals in meine Heimat zurückkehrte, wusste ich nicht, wo sich die schönsten Trails befinden“, gesteht Suh offen. „Ich kannte Jeju schlicht nicht gut genug, obwohl ich hier aufgewachsen bin.“ Große Unterstützung erhält sie von ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Suh Dong-cheol, der jeden Winkel der Insel selbst erwandert hat. Aus den ursprünglich geplanten drei bis vier Routen werden sukzessive 27. „Besonders der Anfang war schwer“, erinnert sich die ehemalige Journalistin. „Die Behörden haben das Vorhaben weder finanziell noch sonst unterstützt. Aber zumindest haben sie die Wanderwege auf öffentlichem Grund erlaubt. Schwieriger war es, die Einheimischen für den Olle Trail zu begeistern.“

Einige Routen des Olle Trail führen durch ein Welterbegebiet. Mit der UNESCO gab und gibt es keine Probleme, weil es sich um bestehende, natürliche Wege handelt.
Einige Routen des Olle Trail führen durch ein Welterbegebiet. Mit der UNESCO gab und gibt es keine Probleme, weil es sich um bestehende, natürliche Wege handelt.

Suh erzählt ihnen von ihrer Vision, sanften Tourismus auch zu ihnen zu bringen. Vom Olle Trail würden, anders als bei den UNESCO-Welterbestätten, selbst entlegene Dörfer profitieren. Die Wandernden wiederum könnten Land und Leute hautnah kennenlernen, abseits des Massentourismus. Tatsächlich sind die meisten ihrer Landsleute nach anfänglicher Skepsis bereit, Gäste willkommen zu heißen, Übernachtungsmöglichkeiten und traditionelle Mahlzeiten anzubieten oder Souvenirs zu verkaufen. „Ohne ihre Zustimmung wäre das ganze Konzept gescheitert – aus einem weiteren wichtigen Grund: Viele Routen führen über Privatgrundstücke.“

Jeju ist fast so groß wie Rügen und Usedom zusammen. Mehr als 12 Millionen Südkoreaner (etwa ein Viertel der Bevölkerung) besuchten Jeju im Jahr 2024, dazu rund 710.000 internationale Touristen.
Jeju ist fast so groß wie Rügen und Usedom zusammen. Mehr als 12 Millionen Südkoreaner (etwa ein Viertel der Bevölkerung) besuchten Jeju im Jahr 2024, dazu rund 710.000 internationale Touristen.

In den letzten Jahren sind die Besucherzahlen ständig gestiegen – und damit die Umweltbelastung. Freiwillige Helfer legen zum Beispiel Kokosmatten auf den Wegen aus, um die Böden zu schützen. Gelegentlich werden Routen umgeleitet oder zeitweise stillgelegt, damit Vögel in Ruhe brüten können oder sich die Natur erholen kann. Der Fischer am Hyeopjae Beach freut sich dagegen über die wachsende, wandernde Kundschaft. Ein Pärchen vom Festland kauft als Wegzehrung gegrillte Tintenfischstücke, die es in Gochujang, die typische rote Chilipaste, dippt. „Als es den Olle Trail noch nicht gab, waren weniger Touristen hier, und die sind oft mit dem Auto an mir vorbeigefahren“, erinnert sich der Mann mit dem von der Sonne gegerbten Gesicht. Dann grinst er: „Die Wanderer bleiben stehen: Der Duft meiner Fische ist zu verlockend!“

„Die Südkoreaner reisen mangels Urlaubstagen in der Regel nur für ein paar Tage nach Jeju. So bleiben trotz der zahlreichen Besucher viele Momente und Orte, um die Natur in Ruhe zu genießen.“ Holger Baldus, Studiosus-Länderexperte für Südkorea
Der vier Kilometer lange Küstenrundweg bietet spektakuläre Panoramablicke auf den Vulkan Hallasan sowie die Inseln Marado und Gapado.
Der Songaksan-Bergpfad umrundet den gleichnamigen, erloschenen Vulkan und ist Teil der Route 10 des Jeju Olle Trails. Der vier Kilometer lange Küstenrundweg bietet spektakuläre Panoramablicke auf den Vulkan Hallasan sowie die Inseln Marado und Gapado.

Einige Kilometer weiter steigen ein paar Frauen in die Wellen. Wanderer sehen ihnen dabei zu, wie sie abtauchen. Seit 2016 zählen die in Korea berühmten und bewunderten Meerfrauen, „Haenyeo“ in der Landessprache, zum immateriellen Welterbe der UNESCO. Ausgerüstet sind sie mit Neoprenanzügen, Taucherbrillen, Bleigürtel, Flossen und einem Haken. Eine Sauerstoffflasche haben sie nicht dabei. Bis zu 20 Meter tief tauchen die besten unter ihnen und bleiben drei, vier Minuten am Meeresgrund, um im eiskalten Wasser nach Oktopussen, Seegurken und den besonders kostbaren Abalonen zu suchen. Um beim Auftauchen nicht ohnmächtig zu werden, stoßen sie den sogenannten Sumbisori aus, ein charakteristisches Pfeifen, das beim Auspusten der Luft entsteht. „Das Geheimnis ist, dass wir schon als kleine Mädchen tauchen lernen“, sagt eine von ihnen. Sie ist 74 Jahre alt und denkt überhaupt nicht daran, in Rente zu gehen. „Ich habe einige Kolleginnen, die sind über 80!“

Die Haenyeo tauchen ohne Sauerstoffflaschen bis zu 20 Meter tief. An der Wasseroberfläche treiben ausgehöhlte Kürbisse als Behältnisse für ihren Fang.
Die Haenyeo tauchen ohne Sauerstoffflaschen bis zu 20 Meter tief. An der Wasseroberfläche treiben ausgehöhlte Kürbisse als Behältnisse für ihren Fang.

Über ein anderes Kapitel der Inselgeschichte wird jahrzehntelang ein Mantel des Schweigens ausgebreitet. „Jeju 4.3“ heißt es lapidar. Die Zahl steht für den 3. April 1948, an dem linksgerichtete Rebellen unter anderem gegen Repressionen der Lokalregierung protestieren. Polizei, Armee und Geheimdienst richten mit Hilfe der amerikanischen Besatzungsarmee ein Massaker an. Sie zerstören fast alle Dörfer, foltern die Bewohner, sperren sie in einer zum Konzentrationslager umgebauten Alkoholfabrik ein oder ertränken sie im Meer. Mindestens 30.000 Todesopfer soll es in der Zivilbevölkerung gegeben haben.

In den folgenden Jahrzehnten ist die bloße Erwähnung des Massenmordes verboten. Die Regierung spricht verharmlosend vom „Vorfall vom 3. April“ oder schlicht von „Vier drei“. Weder in Museen, den Medien oder der Schule findet eine Aufarbeitung statt. Erst in den letzten Jahren entstehen Erinnerungsorte, darunter ein Friedenspark mit Memorial Tower und Gedenktafeln mit den Namen der Toten. Seit 2023 liegt ein Antrag bei der UNESCO, dass „Jeju 4.3“ in die Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommen werden soll, um dem kollektiven Vergessen vorzubeugen.

Am Olle Trail befinden sich mehrere dieser Erinnerungsorte. Myung Sook Suh bezeichnet sie als „Teil unserer Geschichte, der nie in Vergessenheit geraten darf.“ Es sei wichtig, sich permanent um Frieden zu bemühen. Seit 2010 findet alljährlich im Herbst das „Walking Festival“ statt, auf dem Menschen aus aller Welt zusammenkommen und gemeinsam auf dem Jeju Olle Trail wandern. In den „Missions and Principles“ der Jeju Olle Foundation ist verankert, dass Sister Trails und Friendship Trails die Philosophie des Jeju Olle übernehmen dürfen und weltweit verbreiten sollen.

Auf Route 20 des Jeju Olle Trails kommen Wanderer am Sehwa Beach Pavilion vorbei. Der Strand selbst zeichnet sich durch seinen kobaltblauen Farbverlauf, weißen Sand und schwarze Basaltfelsen aus.
Auf Route 20 des Jeju Olle Trails kommen Wanderer am Sehwa Beach Pavilion vorbei. Der Strand selbst zeichnet sich durch seinen kobaltblauen Farbverlauf, weißen Sand und schwarze Basaltfelsen aus.

Der sogenannte „Peace Olle“ ist noch Vision. Er soll von Jeju in Südkorea nach Hamgyeong in Nordkorea führen und es Menschen beider Staaten ermöglichen, einander zu begegnen und gemeinsam zu wandern. Myong Sook Suh, deren Vater aus Hamgyeong und deren Mutter aus Jeju stammten, betrachtet dies als ihre persönliche Berufung. „Während Menschen im Ausland Grenzen überschreiten können, frustriert es mich, dass wir unsere eigene Landesgrenze nicht überqueren dürfen“, sagt sie. „Aber ich verliere nicht die Hoffnung, dass wir dies eines Tages können.“


Der neue Roman von Han Kang, die als erste asiatische Frau den Nobelpreis für Literatur erhielt, erzählt vom Massaker von Jeju. Auf Deutsch 2024 im Aufbau Verlag erschienen.


Sie möchten die Insel Jeju auf einer Rundreise mit Studiosus erleben? Wir besuchen die Insel auf der Studiosus-Reise Südkorea – Höhepunkte.