In historischen Fußstapfen
Weibliche Abenteurerinnen standen im Laufe der Geschichte stets im Schatten ihrer männlichen Kollegen. Das möchte die britische Entdeckerin Elise Wortley ändern, indem sie den Spuren der vergessenen Heldinnen folgt.
Moderne Alpinistinnen, die den Mont Blanc erklimmen, tragen Steigeisen-kompatible Bergstiefel, eine warme Daunenjacke, eine wasserdichte Hardshell-Jacke, Gore-Tex-Hosen, eine gletschertaugliche Sonnenbrille und einen Kletterhelm. Und natürlich atmungsaktive Unterwäsche. Bei ihrem ersten Versuch, Europas höchsten Gipfel zu erreichen, sowie bei der erfolgreichen Besteigung kommt Elise Wortley ohne dieses Hightech-Equipment aus. Sie schlüpft in Seidenstrümpfe, genagelte Lederstiefel, eine Bluse und eine weite Pumphose aus kariertem Wollstoff, bindet sich einen breiten Ledergürtel um die Taille und wirft einen Wollumhang über ihren Mantel. „Jetzt fehlen nur noch die Federboa und der Hut“, lächelt sie. „Dann sehe ich wie Henriette d’Angeville aus, die in einem solchen Outfit 1838 als erste Frau den Mont Blanc bestieg.“
„Mir geht es darum, Heldinnen sichtbar zu machen und Frauen und Mädchen zu ermutigen, sich ihre Träume zu erfüllen.“ Elise Wortley
Mit ihrem Projekt „Woman with Altitude“ rückt die 36-Jährige vergessene Abenteurerinnen der Geschichte ins Rampenlicht – Frauen, die Großartiges geleistet, aber nie dieselbe Anerkennung erfahren haben wie ihre männlichen Zeitgenossen. „Frauen mussten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein damit rechnen, dass ihr Charakter infrage gestellt wurde, wenn sie alleine reisten, wanderten oder kletterten“, sagt sie. „Sie wurden für ihre Leistungen nicht bewundert, sondern mit Vorurteilen konfrontiert und sogar angefeindet.“

2024 schlendert Elise Wortley in ihrer historischen Montur zusammen mit der einheimischen Bergführerin Karen Bockel und der Filmemacherin Grace Taylorson Smith Pritchard durch den französischen Bergort Chamonix. Passanten und andere Bergsteiger starren die Frau in ihrer auffälligen, blau-grün-rot karierten Kombination aus Pluderhose, Mantel und breitkrempigem Hut halb ungläubig, halb fasziniert an. „Ich bin immer etwas nervös, wie die Menschen auf mich reagieren“, erzählt sie. „Die meisten sind über meine Kostümierung erstaunt. Wenn wir erstmal ins Gespräch kommen, fragen sie mich neugierig, was ich vorhabe. Die Resonanz war bislang immer positiv.“

Mit Wohlwollen konnte die Pionierin Henriette d’Angeville nicht rechnen. Durch ihr Buch „Relation de l’ascension du Mont-Blanc“ (auf Deutsch „Bericht über die Besteigung des Mont Blanc“) sind nicht nur Details zu ihrem spektakulären Aufstieg überliefert, sondern auch die gesellschaftlichen Reaktionen auf ihr Vorhaben. Sie sei von „missbilligenden Blicken der Menge“ empfangen worden, als sie sich damals in Chamonix in ihrer selbstgenähten Wollhose auf die Straße gewagt hatte.


Anhand von Henriette d’Angevilles detaillierter Packliste (Bild links) fertigt sich Elise Wortley ihr historisches Mont-Blanc-Outfit an (Foto rechts). Foto – Grace Taylorson Smith Pritchard
Elise Wortleys eigene Abenteuer beginnen schon lange vor der Besteigung des Mont Blanc, mit einer einmonatigen Reise im Himalaya. Damals wandelt sie auf den Spuren der Opernsängerin und Entdeckerin Alexandra David-Néel (1868 – 1969), die ihren Ehemann in Tunis zurückließ, um sich mit dem Buddhismus in Indien und Tibet zu beschäftigen. Aus den von ihr geplanten 18 Monaten wurden 14 Jahre. „Als Teenagerin habe ich zum ersten Mal ihr Buch ‚Meine Reise nach Lhasa‘ gelesen“, erinnert sich die Britin. „Alexandra David-Néel traf den Dalai Lama, meditierte zwei Jahre lang in einer Höhle und schmuggelte sich, verkleidet als alte tibetische Frau, als erste westliche Person überhaupt in die verbotene Stadt Lhasa.“ Elise Wortley strahlt, wenn sie von ihrer ersten Inspirationsquelle erzählt. „Ihre Geschichte beflügelte meine Fantasie und ließ mich nie mehr los.“


Foto links: Alexandra David-Néel (1868 – 1969) sah ihren Ehemann Philippe nach ihrer Abreise nach Indien und Tibet nie wieder. Sie blieben jedoch über viele Jahre schriftlich in Kontakt. Foto rechts: Das Basislager des Kanchenjunga auf rund 5100 Metern Höhe ist Wortleys Ziel nach dem einmonatigen Fußmarsch.
Allerdings dauert es noch einige Jahre, bis sie sich 2017 endlich traut, eine solch abenteuerliche Reise wie Alexandra David-Néel zu unternehmen. Denn sie leidet unter mentalen Problemen. „Ich hatte eine generalisierte Angststörung“, erzählt sie. „Das ist, als hätte man den ganzen Tag lang eine Panikattacke. Das ging monatelang so. Selbst einen kleinen Spaziergang im Park oder eine Fahrt im Bus oder einen Besuch im Fitnessstudio traute ich mir nicht zu.“ Als es ihr nach unzähligen Therapien ein bisschen besser geht, erinnert sie sich wieder an das Buch, das sie als 16-Jährige so gefesselt hatte. Sie fängt an zu recherchieren: Auf welcher Route war Alexandra David-Néel unterwegs? Welche Kleidung trug sie? Was hatte sie sonst dabei? Um wirklich in deren Fußstapfen zu treten, will sie möglichst dieselben Voraussetzungen schaffen. „Ich kann der Welt nicht zeigen, wie schwierig diese Reise war oder was sie eigentlich geschafft hat, wenn ich moderne Expeditionskleidung trage,“ meint Elise Wortley. „Aber die alte Ausrüstung zu finden, war wirklich schwierig.“
Auf eBay entdeckt sie einen Rucksack mit Holzgestell aus den 1900er-Jahren, doch er ist zu teuer. Also baut sie selbst einen Rucksack – aus einem ausrangierten Holzstuhl. Eine Freundin besorgt in Nepal einen Mantel aus Yak-Wolle sowie traditionelle Schuhe. Möglichst so authentisch zu reisen wie ihre Heldinnen bedeutet auch, dass Elise Wortley ausschließlich alte Bücher und Papierkarten für die Routenplanung benutzt. Sie wandert „nur“ einen kleinen Teil der Strecke, die Alexandra David-Néel zurückgelegt hat: 174 Kilometer von Lachen in Sikkim (Indien) durch verschneite, felsige Landschaften bis zum Basislager des Kanchenjunga, dem mit 8586 Metern dritthöchsten Berg der Welt. „Der Aufstieg von 2600 Metern auf über 5000 Meter dauerte einen Monat, obwohl ich täglich acht Stunden unterwegs war“, erzählt Elise. Sie kämpft mit der extremen Kälte, Hautreizungen durch die Wollkleidung und mit der Höhenkrankheit. „Ich dachte oft daran, dass Alexandra das damals ohne Satellitentelefon gemacht hat – ohne jede Möglichkeit, Hilfe zu holen, wenn etwas schiefgeht. Wie mutig man sein muss, so etwas durchzuziehen.“ Mut kann man Elise Wortley auch nicht absprechen, denn sie hat bis dato keine Erfahrung als Bergsteigerin. Sie vertraut sich Jangu Lepcha an, der einzigen Bergführerin im Norden Indiens. Das rein weibliche Team komplettiert Kamerafrau Emily Almond Barr.

Die eisigen Temperaturen hielt Alexandra David-Néel damals mit Hilfe der Tummo-Meditation aus, einer tibetisch-buddhistischen Technik zur inneren Wärmeerzeugung. „So schaffen es Mönche seit Jahrhunderten, stundenlang in Schnee und Eis zu meditieren – und sich dennoch warm zu halten“, erklärt Elise Wortley. „Es dauert Jahre, diese Technik zu erlernen. Mir blieb nichts anderes übrig, als Holz zu sammeln, um nachts ein Feuer zu machen. Das ging aber nur so lange, bis wir über der Baumgrenze waren.“

Die Strapazen sind extrem, aber dennoch fühlt sich die Britin besser als in all den vergangenen Jahren, die sie in London – teils am Schreibtisch, teils in Therapie – verbracht hat. Als sie wieder zu Hause ist, kehrt die Angststörung zurück. Die 36-Jährige weiß, dass weitere Abenteuer ihr mental helfen können. Nach einer Inspiration muss sie nicht lange suchen: Ihre Mutter drückt ihr das Buch „The Living Mountain“ von Nan Shepherd in die Hand. Die Schriftstellerin und Dichterin schildert darin ihre Wanderungen durch die Cairngorm Mountains in den 1940er-Jahren. „Nan geht es nicht darum, als erste einen Gipfel zu erreichen“, erklärt Elise Wortley. „Sondern darum, auf Details zu achten. Ihr Plädoyer ist: ‚Je genauer wir hinschauen, desto besser lernen wir uns selbst kennen‘.“

Im Juni 2019 bricht Elise Wortley, bekleidet mit einem weißen Baumwollkleid, Tweedmantel und mit genagelten Stiefeln, in die schottischen Highlands auf. Das Wetter ist katastrophal, es schüttet wie aus Eimern. Tagelang kauert sie, bis auf die Haut durchnässt, unter einem Felsen. Sie ernährt sich wie Nan Shepherd von Kartoffeln und kleinen Stücken Schokolade und denkt schon ans Aufgeben … „Doch dann sagte ich mir: Nan hat es geschafft, als die Zeiten viel schwieriger waren, also schaffe ich es auch.“ Kurz darauf klart der Himmel auf. Sie setzt ihre Wanderung fort und kann tatsächlich die Orte aufsuchen, über die Nan in ihrem Buch geschrieben hat.

Die Reisen zu Ehren von Alexandra David-Néel und Nan Shepherd bezahlt die Britin noch aus eigener Tasche. Aber mit ihrem Projekt „Woman with Altitude“ und Presseberichten über ihre Abenteuer erzielt sie zunehmend internationale Aufmerksamkeit und findet Sponsoren. Den Aufstieg auf den 2706 Meter hohen Monte Cinto, den höchsten Gipfel Korsikas, sponsort beispielsweise das Technologieunternehmen OnePlus. Bei dieser Expedition folgt Elise Wortley den verschneiten Spuren der britischen Pionier-Bergsteigerin Dorothy Pilley, nachdem sie deren Buch „Climbing Days“ gelesen hat. Es begleiten sie die Spanierin Edurne Pasaban – die erste Frau, die alle 14 Achttausender der Welt bestiegen hat – sowie Lotta Hintsa, eine ehemalige Miss Finland, die mittlerweile professionelle Bergsteigerin ist. Beide klettern mit modernem Hightech-Equipment, während Elise sich mit Kopftüchern, schwerer Wollkleidung und Lederschuhen durch den Schnee kämpft, wie es Dorothy bei ihrer Besteigung 1922 getan hat.


1921 gründet Dorothy Pilley (1894 – 1986) zusammen mit weiteren Bergsteigerinnen den Pinnacle Club – den ersten Frauen-Kletterclub weltweit. Er existiert bis heute. Pilley war jedoch auch mit männlichen Kletterkollegen unterwegs.
Elise Wortleys Mission, auf die Leistungen weiblicher Entdeckerinnen aufmerksam zu machen, ist nicht nur dadurch motiviert, dass viele von ihnen ignoriert oder übersehen wurden. „Bei den männlichen Entdeckern ging es meist darum, als Erster an einem bestimmten Ort zu sein. Aber die Frauen, für die ich mich interessiere, verbrachten wirklich viel Zeit mit den Einheimischen und lernten die Orte intensiv kennen. Die Männer tauchten nicht in die Kultur ein. Genau deshalb sind die Berichte der Frauen kulturell viel reicher.“ Und sie fügt hinzu: „Im Outdoor-Bereich hat sich kaum etwas verändert. Es gibt dort immer noch viel mehr Männer als Frauen. Als wir im September 2024 am Mont Blanc waren, waren wir die einzigen drei Frauen in einer Hütte mit vielleicht 50 männlichen Bergsteigern.“
Ihre erste Besteigung des Mont Blanc muss Elise Wortley übrigens abbrechen. Nachdem sie Gletscherspalten passiert und schwierige Kletterpassagen gemeistert hat, hält ihre Bergführerin Karen die letzte Etappe wegen der schlechten Wettervorhersage für zu gefährlich. Während sich andere Seilschaften um drei Uhr morgens auf den Weg zum Gipfel machen, kehren die Frauen schweren Herzens um. Eine gute Entscheidung, denn vier Bergsteiger – zwei Italiener und zwei Südkoreaner – sterben einen Tag später unter dem Gipfel. Elise Wortleys zweite Besteigung im Juni 2025 ist erfolgreich, laugt sie aber sehr aus. „Mein bislang härtestes Abenteuer!“, stellt sie fest. „Der lange Aufstieg war extrem anstrengend – und in dem Wolloutfit von 1838 war es soooo heiß.“
„Viele Frauen wurden von der Geschichte einfach übersehen.“ Elise Wortley
Ungefähr 150 Namen von Abenteurerinnen stehen auf Elise Wortleys Wunschliste. An oberster Stelle rangiert die irische Piratin Grace O’Malley, die sich im 16. Jahrhundert der britischen Krone widersetzte. „Ich würde liebend gerne die Reise von Grace O’Malley machen“, schwärmt sie. „Obwohl die Kosten dafür riesig wären – allein schon ein altes Piratenboot zu finden und zu versichern.“ Sie kann sich auch vorstellen, mit einem Fahrrad um die Welt zu fahren, wie Annie Londonderry, die dies 1894/95 als erste Frau schaffte. Wofür auch immer sich Elise Wortley entscheidet – eines ist klar: Es gibt noch viele Fußstapfen für weitere Expeditionen.