In der Welt zu Hause
Digitale Nomaden arbeiten dort, wo andere Urlaub machen, mal den Laptop auf dem Schoß, mal das Surfboard unter dem Arm. Klischee oder Wirklichkeit?
Nach Morgensport und Meditation sitzt Waltraud Hable schon den ganzen Tag in ihrem Apartment am Laptop und schreibt an einer Reisekolumne. Sie hält sich gerade in Vietnam auf, genauer gesagt in Hoi An. Die Stadt verwandelt sich jeden Abend aufs Neue in ein leuchtendes Farbenmeer aus hunderten Lampions, die über den Gassen der Altstadt im Wind schaukeln. „Kitschig wie Disneyland, aber zauberhaft“, findet die 47-Jährige die Stadt, in die sie mittlerweile zum vierten Mal zurückgekehrt ist.
Die gebürtige Österreicherin bezeichnet sich als „Nomadin, Journalistin und überzeugte Tagträumerin“. Seit 2019 lebt Waltraud Hable als sogenannte „digitale Nomadin“ tatsächlich ihren Traum, hat damals ihre Mietwohnung in Wien aufgelöst und alles verkauft, was nicht in ihren Rollkoffer passte. Und sie hat ihren Job als leitende Redakteurin bei einem Verlag gekündigt. Ob sie sich etwa in einer Midlife-Crisis befinde, wurde sie gefragt. Denn das würde rein psychologisch ins Bild passen: Anfang 40, Single, kinderlos. Die gebürtige Oberösterreicherin schüttelt den Kopf: „Nein, ich hatte keine Krise, sondern Hunger. Einen unglaublichen Hunger nach Leben und nach dem Unbekannten.“
„Corona hat mir tatsächlich geholfen, denn im Journalismus, wo persönliche Interviews als das Maß aller Dinge galten, haben sich plötzlich Videocalls etabliert und mir letztlich ermöglicht, freiberuflich aus aller Welt zu arbeiten.“
Statt sich als Angestellte über Hierarchien zu ärgern oder über das Wetter oder die Eintönigkeit des Arbeitstages, sind digitale Nomaden in der ganzen Welt unterwegs. Sie entscheiden sich bewusst für ein Leben ohne festen Wohnsitz. Sie mieten sich wochenweise Apartments oder Ferienhäuser, erledigen ihre Jobs in Coworking-Spaces – Büros, die man auf Zeit buchen kann – oder am Strand oder wo es ihnen sonst gefällt. Manche von ihnen leiden unter der Trennung von Familie und Freunden und einer gewissen Einsamkeit, andere mögen es, immer wieder neue Menschen aus aller Welt kennenzulernen.

Ständig neue Städte und Landschaften, exotische Märkte, Strände bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang – das Leben digitaler Nomaden sieht nach außen wie ein endloser Traum aus. Doch wer alle paar Wochen von einem Superlativ zum nächsten eilt, der spürt irgendwann eine Art Übersättigung. „So geht’s mir mit dem traumhaften An Bang Beach“, meint Waltraud Hable. „Der ist in Gehweite, aber ich bin kaum noch dort.“ Eine Reizüberflutung sei definitiv da, doch dann erzählt sie mit strahlenden Augen: „Ich war vor Kurzem auf Borneo bei den Orang-Utans. Da hätte ich noch wochenlang bleiben können.“ Und fügt schmunzelnd hinzu: „Manchmal braucht man auch als Nomade Urlaub!“
„Wenn ich in meinem alten Job und in meinem alten Leben bleibe, dann verhungere ich emotional.“
Digitale Nomaden werden oft in starken Währungen wie dem US-Dollar oder Euro bezahlt, geben ihr Geld aber in Ländern aus, in denen das Preisniveau deutlich niedriger ist. In Orten wie zum Beispiel dem thailändischen Chiang Mai oder dem kolumbianischen Medellín, beides Hochburgen digitaler Nomaden, können sie sich damit ein Leben leisten, das für viele Einheimische unerreichbar bleibt: Sie wohnen in topausgestatteten Apartments oder Ferienvillen mit Pool und Reinigungsservice, manchmal sogar mit eigenem Koch, sie besuchen regelmäßig Cafés und Restaurants, genießen Yoga-Retreats und Fitnessstudios. Während Einheimische mit Mindestlöhnen oder informellen Jobs über die Runden kommen müssen, zahlen manche Nomaden für einen Cappuccino so viel wie ein lokaler Kellner am Tag verdient. Die Folge: steigende Mieten, Gentrifizierung – und wachsende soziale Spannungen.

„Gentrifizierung ist der neue Kolonialismus“, sagt Aktivistin Ana aus Medellín dem
Deutschlandfunk Nova. Sie organisiert Protestaktionen gegen den Trend, dass einkommensschwächere Einheimische wegen digitaler Nomaden und Touristen aus den Innenstädten weichen müssen. Auch in Lissabon, das in der Gunst digitaler Nomaden weit oben steht, gehen die Locals auf die Straße, weil sie plötzlich nicht mehr im eigenes Viertel wohnen können. „Für uns wird es schwieriger“, meint Taxifahrer Pedro. „Die Restaurants und Supermärkte erhöhen ihre Preise, weil immer mehr zahlungskräftige Kurzzeitarbeiter kommen. Und natürlich Touristen“, fügt er hinzu. Besonders schlimm stehe es um den Wohnungsmarkt: „Ausländer kaufen Immobilien und wandeln sie in Airbnbs um. Die Eigentümer verlangen lieber hohe Kurzzeitmieten als niedrigere Mieten von uns. Wir können uns das nicht leisten.“

Digitale Nomaden werden zunehmend mit dem Wort „Laptop-Kolonialisten“ konfrontiert. „Das Wort ist unpassend und trifft nicht zu“, findet Waltraud Hable, „denn es impliziert Gewalt, Militärmacht und Ausbeutung. Wir digitalen Nomaden sind aber nicht automatisch Ausbeuter.“ Klar gebe es digitale Nomaden, die nirgends gemeldet seien und alles dafür tun würden, Steuern zu vermeiden. Die von den Gastländern profitieren, aber nichts geben wollen. „Das kommt für mich nicht in Frage“, sagt sie. „Ich bin in Österreich gemeldet und zahle dort meine Krankenversicherung und vergleichsweise hohe Steuern. Das Geld, das ich in den Gastländern ausgebe, kommt den Locals zugute.“ Ganz besonderen Wert legt sie deshalb darauf, bei Einheimischen ihre Unterkünfte zu mieten – auch wenn sich die Suche manchmal mühsam gestaltet. „Ich beute niemanden aus“, sagt sie bestimmt und fügt lächelnd hinzu: „Mein vietnamesischer Vermieter verdient gerade richtig gut an mir.“
Auch wenn die Vorbehalte Einheimischer gegenüber digitalen Nomaden zunehmen, locken viele Regierungen diese kaufkräftige Zielgruppe ganz gezielt an, um von ihrem Konsumverhalten und Knowhow zu profitieren. Grundlage dafür sind spezielle „Digital Nomad Visa“, die es den Nomaden erlauben, längere Zeit legal im Land zu leben und zu arbeiten, ohne eine lokale Arbeit ausüben zu müssen. Die zeitliche Begrenzung hängt vom jeweiligen Land ab, variiert zwischen sechs Monaten bis zu einem Jahr und ist meist verlängerbar. Viele Staaten fordern inzwischen einen Mindestverdienst, andere den Nachweis von Ersparnissen.
Neben Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung spielen ein schnelles Internet sowie Coworking und -living-Spaces die wichtigste Rolle. Wie sich ein unbekannter Ort in eine Topadresse für Nomaden verwandeln kann, zeigt das Beispiel Bansko im bulgarischen Pirin-Gebirge: im Winter ein viel besuchter Skiort, im Sommer ausgestorben. Bis der Deutsche Matthias Zeitler, früher selbst digitaler Nomade und heute sesshaft in Bansko, 2016 anfängt, die bulgarische Kleinstadt in einen Hotspot für digitale Nomaden zu verwandeln. „Eine verrückte Idee“, gesteht er in seinem YouTube-Video „Building a Nomad Utopia“, „weil es hier null Nomaden gab.“

In Absprache mit den Behörden gründet er den ersten „Coworking Space Bansko“ (weitere folgen im Laufe der Jahre). Außerdem initiiert er jährlich das Bansko Nomad Festival. Dieses einwöchige Event mit Workshops, Outdoorprogramm und Lagerfeuerparty wird in der Szene mit seinen um die 1000 Teilnehmenden als das „weltgrößte Nomaden-Event“ gefeiert. Als Zeitler damals seine Pläne präsentierte, sei man überrascht gewesen, erzählt Tanya Stancheva, die für die Stadtentwicklung verantwortlich ist, dem Informationsradio Deutschlandfunk Kultur. „Das war das erste Mal, dass wir etwas von Coworking und digitalen Nomaden gehört haben. Wir sagten uns, okay, das klingt interessant.“
Bis zum Brexit und dem Krieg in der Ukraine kamen die Gäste im Winter meist aus Großbritannien und Russland. Deren Zahl hat sich seitdem drastisch verringert. Deshalb sind digitale Nomaden besonders willkommen. „Sie sind anders als die Pauschaltouristen“, sagt Stancheva. „Sie gehen natürlich in die Restaurants und bringen den Geschäften hier Einnahmen. Aber ich glaube, der größte Nutzen besteht darin, dass unsere jungen Leute sehen, wie man leben kann, wenn man zum Beispiel mit dem Computer umgehen kann oder andere Sprachen spricht.“
Aktuell entwickelt Zeitler ein Co-Living-Areal in dem ca. 20 Autominuten von Bansko entfernten Bergort Semkovo. In einem ehemaligen Hotelkomplex aus der kommunistischen Ära sollen über 200 Wohneinheiten entstehen, die digitale Nomaden kaufen, vermieten und mieten können – ein Konzept, das mit klassischem Nomadentum allerdings nur noch wenig zu tun hat. Weil das Projekt so abgeschieden liegt, „kann man Tag und Nacht Party machen, ohne dass sich Nachbarn beschweren oder die Polizei kommt“, sagt der 46-Jährige augenzwinkernd. „Wichtiger ist aber, dass die Nomaden hier zusammenleben.“ Sehr inspirierend sei für ihn eine Kreuzfahrt von Nomad Cruise gewesen, während der er mit hunderten Gleichgesinnten zwei gemeinsame Wochen verbracht habe. „Du bist unter deinesgleichen und hast nicht die Chance, irgendwo hinzugehen.“ Ein ähnliches „Gemeinschaftsgefühl“ soll sich in Semkovo entwickeln. „In der Anlage wird es alles geben, was die Community zum Leben und für die Freizeit braucht.“ Wohlgemerkt die Community der Nomaden, nicht die lokale.
Den Gedanken, sich nur in einer „Bubble“ mit lauter digitalen Nomaden aufzuhalten, findet Waltraud Hable schrecklich: „Klar, in der Gesellschaft anderer digitaler Nomaden fühle ich mich verstanden, muss nicht ständig meinen Lifestyle erklären“, sagt sie. „Andererseits möchte ich in die jeweilige Kultur eintauchen und Einheimische nicht nur über organisierte Events kennenlernen.“ Ihre bisherigen Erfahrungen sind so spannend wie bunt: In Rio de Janeiro lernt sie Samba tanzen und tritt im Karneval auf; in Südafrika versucht sie sich als Rangerin; in Mexiko sammelt sie für armutsgefährdete Familien Geld, um den Kindern ein schönes Weihnachtsfest zu ermöglichen; und in Vietnam hilft sie bei Strandsäuberungsaktionen, die Einheimische initiieren.

Waltraud Hable lebt seit sechs Jahren dieses unstete Leben, das mit einem One-Way-Ticket nach Bangkok begann und sie u. a. nach Hawaii, Südafrika, Brasilien, Griechenland, Portugal, Mexiko und Vietnam bringt. Alle sieben Neuen Weltwunder habe sie gesehen, ohne dass sie diese vorher bewusst ausgewählt hätte. „Ich glaube allerdings, jene Ziele, an die ich mich am Ende mehr erinnern werde, sind die, bei denen der Mensch nicht seine Hände im Spiel hatte: der Rainbow Mountain in Peru zum Beispiel. Oder der afrikanische Busch mit seinen Tieren.“ Den Bruch mit ihrem alten Leben hat sie bislang nicht bereut. „Na ja, vielleicht ganz kurz, als ich eine Lebensmittelvergiftung hatte“, sagt sie und lacht. „Aber da war ich vor lauter Dehydration nicht zurechnungsfähig und tat mir selber wahnsinnig leid.“