Urwaldschulen für Orang-Utans

In Urwaldschulen auf Sumatra und Borneo werden Orang-Utan-Kinder, die ihre Mütter verloren haben oder in Gefangenschaft aufgewachsen sind, auf ein Leben in der Wildnis vorbereitet.

Urwaldschulen für Orang-Utans

Affenpflegerin Fatima breitet große Blätter auf dem Boden aus, pinselt sie mit Honig ein und legt einen Mix aus aufgeschnittenen Litschis, Feigen und Jackfruits darauf. Dann faltet sie das Blatt zu einem Päckchen zusammen und bindet es mit einer Schnur zu – fertig ist das Pausenbrot für ihren ganz besonderen Zögling: den dreijährigen Orang-Utan-Jungen Sudin. Er lebt auf Sumatra in der Dschungelschule am Rand des Bukit-Tiga-Puluh-Nationalparks, einem Auswilderungsprojekt, das Dr. Peter Pratje im Auftrag der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) seit 2001 leitet. Die tierischen Schüler haben nie selbstständig in der Wildnis gelebt. Eine wichtige Lektion ist, dass sie sich anstrengen müssen, um an Nahrung zu kommen. „Essen im Urwald zu finden, bedeutet Arbeit“, erklärt der Wildbiologe. „Wir trainieren das von Anfang an mit den Affenkindern, zeigen ihnen, wie sie natürliche Werkzeuge benutzen, und verstecken Nahrung in Bällen, Boxen oder verpacken sie in Blätter.“

Wenn Dr. Peter Pratje nicht gerade mit organisatorischen Dingen beschäftigt ist, übernimmt er gerne selbst die Rolle der „Affenmutter“. Er hockt vor dem Käfig eines tierischen Schülers und macht ihm eine Alternative zu Früchten und Blättern schmackhaft: das Mark der Rattanpalme. Es ist ein wichtiges Nahrungsmittel, wenn es jahreszeitenbedingt keine leckeren Früchte gibt. Jede Rattanliane ist durch eine dornige Haut geschützt, sodass es viel Übung verlangt, an das Mark heranzukommen. Dr. Pratje zieht die Lippen übertrieben nach hinten, zeigt die Zähne und reißt dann mit den Zähnen die stachelige Epidermis in Streifen ab. „Orang-Utans lernen durch Imitation“, erklärt er. „Daher ist es wichtig, dass wir ihnen wieder und wieder zeigen, wie es geht.“ Anfangs helfen die Pfleger schon mal nach, damit die noch ungeschickten Kleinen an den köstlichen Teil im Inneren der stacheligen Hülle gelangen. „Belohnung ist ganz wichtig, denn die Affen müssen lernen, dass sich die Anstrengung lohnt. Mit viel Übung werden sie es bald alleine schaffen.“

Die jungen Orang-Utans werden von ihren Pflegern über einen Fluss getragen.
Die jungen Orang-Utans zusammen mit ihren Pflegern und Dr. Pratje auf dem Weg zu einer Dschungellektion. Foto: Jejak Pulang | FOUR PAWS | Daniel Rosengren

Trotz aller Mühen der menschlichen „Ersatzmütter“ gibt es keinen Zweifel, dass Artgenossen die besseren Lehrmeister für Orang-Utans sind. Auch wenn die Waldmenschen, so die deutsche Übersetzung, eigentlich Einzelgänger und die Mütter alleinerziehend sind, wildert Dr. Pratje daher nie einen Orang-Utan allein aus, sondern immer zu zweit, idealerweise beste Freunde aus der Schule. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sie sich so besser in ihrem neuen Leben zurechtfinden und außerdem weiterhin voneinander lernen.“

Auf der Nachbarinsel Borneo kümmern sich Dr. Signe Preuschoft und ihr Team um verwaiste Orang-Utans, ebenfalls mit dem Ziel, sie eines Tages auszuwildern. Seit 2018 betreibt die deutsche Primatologin im Auftrag der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“, in Kooperation mit dem lokalen Partner Yayasan Jejak Pulang und dem indonesischen Forstministerium, die dortige Dschungelschule. Die teilweise erst ein paar Monate alten Affensäuglinge suchen permanent die Nähe ihrer menschlichen Ersatzmütter, umklammern sie mit ihren langen Armen und blicken sie mit großen Kulleraugen an. Was unglaublich niedlich aussieht, hat einen traurigen Hintergrund: Obwohl das Töten, Fangen oder Halten eines Orang-Utans in Indonesien illegal ist und mit Geld- oder gar Gefängnisstrafen geahndet wird, sterben täglich Menschenaffen bei Brandrodungen, Baumfällarbeiten und bei ihrer Nahrungssuche in den Plantagen.

Viele Waldbauern betrachten Orang-Utans nicht als schützenswert, sondern im Gegenteil als Schädlinge, die über ihre Gärten herfallen und Früchte klauen. Holzfäller töten die Mütter und verkaufen die Babys als Haustiere auf dem Schwarzmarkt, um ihr karges Einkommen aufzubessern. Spätestens im Alter von fünf Jahren werden die Orang-Utans ihren menschlichen Besitzern zu groß, zu eigenwillig, zu unbequem. Viele der Menschenaffen vegetieren in Käfigen oder angekettet in Hinterhöfen vor sich hin. Wenn sie Glück haben, werden sie von Tierschutzorganisationen oder den Behörden entdeckt und konfisziert.

Ein Orang-Utan auf Borneo im Wald.
Orang-Utans gibt es nur noch auf Borneo (etwa 50.000) und auf Sumatra (unter 10.000). Die Zahlen entsprechen einem Populationsrückgang von 80 Prozent seit 1950. Foto: Jejak Pulang | FOUR PAWS | Endah Wahyu Sulastianti

Die beiden Primaten-Spezialisten Dr. Preuschoft und Dr. Pratje wissen meist nur wenig darüber, was mit den Affenkindern passiert ist, bevor sie von der Forstpolizei zu ihnen in die Waldschulen gebracht werden. Manches können sie sich allerdings zusammenreimen. So wie bei dem Weibchen Riki, das in einem menschlichen Haushalt aufgewachsen sein muss. „Als sie mit ungefähr acht Jahren zu uns kam, hielt sie sich für einen Menschen und hatte furchtbare Angst vor ihren Artgenossen“, erinnert sich Dr. Pratje. „Statt sich wie ein Affe zu verhalten, hatte sie sich menschliche Verhaltensweisen angeeignet. Mit einem in Wasser eingeweichten Schlafsack putzte sie zum Beispiel den Boden. Sie war mental so weit weg davon, ein Orang-Utan zu sein, wie man es nur sein konnte.“

Ein solch traumatisiertes Tier wieder auszuwildern, ist eine besonders große Herausforderung. Das gilt auch für verwaiste Babys. „Orang-Utans sind wahre Super-Mütter“, sagt Dr. Preuschoft. „Sie kümmern sich bis zu neun Jahre lang intensiv um ihren Nachwuchs, stillen und beschützen die Kleinen und bringen ihnen alles bei, was zum Überleben im Dschungel nötig ist.“ Dazu gehört, dass sie im riesigen Nahrungsangebot (eines intakten Regenwaldes) die Pflanzen finden, die genießbar und nicht giftig sind. Das können mehrere Hundert Arten Früchte und Blätter sein. Außerdem lernen sie, sich möglichst nicht auf dem Boden aufzuhalten. Ihr angestammter Wohnraum sind Baumkronen und Schlingpflanzen. Als Freikletterer bewegen sie sich durch die Wipfel und bauen dort auch ihre Schlafnester, um vor Feinden wie dem Sumatra-Tiger, Nebelparder oder verwilderten Hunden sicher zu sein.

Der Orang-Utan Bhima lässt selbst beim Essen seine Pflegemama nicht los.
Bhima lässt selbst beim Essen seine Pflegemama nicht los. Foto: Jejak Pulang | FOUR PAWS | Daniel Rosengren

„Die ersten drei Jahre hängen die Kleinen mehr oder weniger die ganze Zeit am Körper ihrer Mutter“, erzählt die 65-Jährige. „In unserem Projekt übernehmen Frauen aus den umliegenden Dörfern die Säuglingspflege der Waisen. Von morgens bis abends tragen sie die Affenbabys auf der Hüfte oder dem Rücken herum, streicheln und lausen sie, sind ständig an ihrer Seite. Sie zeigen ihnen, was man essen kann und wie man ein Baumnest baut.“ Aber schadet diese extreme Nähe zu den Menschen nicht? „Nicht, wenn wir menschlichen Eltern ‚verorangutanlichen’ und 24 Stunden am Tag im Wald verbringen!“ Dr. Preuschoft, die auch ausgebildete Tierpsychologin ist, verweist auf die große Bedeutung frühkindlicher Bindung. Das sei bei Orang-Utans nicht anders als bei Menschen. Nur wenn die Babys mütterliche Nähe erfahren würden, könnten sie selbst einmal gute Mütter sein. „Beispiele aus Zoos und Forschungslaboren zeigen, dass traumatisierte Menschenaffen Probleme haben, ihren eigenen Nachwuchs anzunehmen und großzuziehen. Wenn unsere weiblichen Affenbabys keine guten Mütter werden, ist eine ganze Generation verloren.“

Allerdings weiß die Primatologin auch, dass der Job sehr viel Disziplin und selbstlose Liebe von den Pflegerinnen und Pflegern verlangt. Sie schildert das bewegende Schicksal des kleinen Bhima, der zusammen mit seiner Mutter von einem Baum fiel, als dieser gefällt wurde. Die Holzfäller sahen angeblich, wie die Mutter blutend davonlief. Bhima hatte sich einen offenen Armbruch zugezogen und blieb zurück, weil er sich nicht mehr an ihr festhalten konnte. Ob die Flucht der Mutter der Wahrheit entspricht, lässt sich nicht überprüfen. Schließlich ist das Töten von Orang-Utans strafbar.

Ein Orang-Utan Baby wird medizinisch behandelt.
Der kleine Bhima wird mit gebrochenem Arm in die Waldschule gebracht und dort behandelt. Foto: Jejak Pulang | FOUR PAWS | Signe Preuschoft

Das Affenbaby wurde medizinisch versorgt und verbrachte die drei Quarantäne-Monate beinahe permanent auf dem Schoß und am Bauch seiner Pflegemutter. Nachdem die Verletzung verheilt war, bekam der Kleine eine aufwändige Reha, bei der der Arm wieder beweglich gemacht wurde. „Wir haben ihm sogar ein spezielles Klettergerüst gebaut, damit er täglich trainieren kann“, erzählt Dr. Preuschoft. Dass die Bindung zwischen Tier und Mensch in solchen oder ähnlichen Fällen ganz besonders eng ist, liegt auf der Hand. „Dennoch dürfen wir nie unser Ziel aus den Augen verlieren, dass wir unsere Schützlinge bestmöglich auf ein Leben in Freiheit vorbereiten wollen.“ Schweren Herzens habe sie einmal eine Mitarbeiterin entlassen müssen, die ihren Zögling zu sehr vermenschlichte und nicht loslassen konnte.

Normalerweise lernen Orang-Utans von Geburt an, sich in den Baumkronen aufzuhalten. „Da oben finden sie besseres Futter und sind sicherer vor Raubtieren“, sagt Dr. Preuschoft. Doch von ihren menschlichen Ersatzmüttern schauen sie sich ab, auf dem Boden herumzulaufen, was für eine Auswilderung kontraproduktiv ist. Also bittet die Wissenschaftlerin den Kletterspezialisten James Reed vom Tree Monkey Project um Hilfe. Er bringt ihrem Team und ihr selbst bei, wie man an Seilen in die Baumkronen gelangt und sich dann wieder sicher abseilt. Preuschofts Idee ist für die Menschen eine echte Herausforderung, die jungen Orang-Utans aber sind begeistert. Sie folgen nun ihren Pflegern auf die Bäume, trauen sich so hoch hinaus wie nie zuvor und können endlich ihre angeborenen Kletterfähigkeiten ausprobieren.

Die Ausbildung der jungen Orang-Utans erfordert viel Geduld und dauert mehrere Jahre. Auf Sumatra ist wieder ein Tag der Auswilderung gekommen. Zum Glück liegt die Waldschule am Rand des Bukit-Tiga-Puluh-Nationalparks, der sich als Auswilderungsgebiet eignet. Mittlerweile wurden 5000 Schilder aufgestellt, um die Parkgrenzen zu markieren. „Das ist ein einfaches, aber wirksames Mittel“, meint Dr. Pratje. „Vorher wussten die Bauern, die im Umland leben, nicht einmal, wo genau das Schutzgebiet anfängt und bis wohin sie den Urwald roden dürfen.“ Allerdings sei es unmöglich, die 330 Kilometer lange Grenze mit derzeit nur 20 Rangern und ein paar Helfern abzusichern, um zum Beispiel Wilderer fernzuhalten. „Anstatt zerstörten Regenwald unter großem finanziellem Aufwand wieder aufzuforsten, müssen wir uns auf den Schutz des vorhandenen Regenwalds konzentrieren“, appelliert Dr. Pratje. „Das wird schon schwer genug, weil Personal an allen Ecken und Enden fehlt.“

Ein kleiner Orang-Utan klettert auf einem Klettergerüst.
Nach vier Monaten beginnt Bhimas Reha mit einem speziell für ihn gebauten Klettergerüst. Foto: Jejak Pulang | FOUR PAWS | Signe Preuschoft

Die Fahrt, weg von der Dschungelschule tief in den Regenwald hinein, ist abenteuerlich. Der Geländewagen kämpft sich durch tiefen Schlamm, bleibt immer wieder stecken. Schließlich geht es zu Fuß weiter. Helfer tragen die an Holzstangen befestigten Käfige bis zu einem Baum, dessen Stamm mit Obst präpariert ist. „Die Orang-Utans sollen sofort, nachdem sie den Käfig verlassen, hoch in die Baumkrone klettern“, erklärt Dr. Pratje und verfolgt mit den Augen, wie die beiden erfolgreichen Absolventen der Dschungelschule im Blätterdach verschwinden. Ein bisschen Abschiedsschmerz macht sich bei den Pflegern breit, aber die Freude überwiegt. „200 Orang-Utans haben wir bereits ausgewildert, und wir wissen von 24 Babys, die in Freiheit geboren wurden“, sagt der 64-Jährige. „Das ist ein großer Ansporn, denn jedes einzelne Individuum zählt.“

Auch auf Borneo gibt es nach jahrelanger Fürsorge und Dschungeltraining Orang-Utans, die endlich ausgewildert werden können. Doch in dem geplanten Auswilderungsgebiet hat die indonesische Regierung mittlerweile eine Genehmigung für Kohletagebau erteilt. Von der Bevölkerung gibt es keine Proteste dagegen, im Gegenteil: Durch ein Naturschutzgebiet befürchten die Menschen vor Ort wirtschaftliche Nachteile. Ob Tourismus eine verlockende Alternative zur Industrie wäre? Bei den Berggorillas in Uganda würde das schließlich auch funktionieren. Dr. Preuschoft schüttelt den Kopf: „Orang-Utans leben nicht, wie die Berggorillas, in größeren Gruppen, sondern als Einzelgänger. Außerdem sollten rehabilitierte Tiere möglichst nicht mit Menschen zusammentreffen. Die Hemmschwelle zur Interaktion ist niedrig und für beide Seiten gefährlich.“

Eine Teirärztin hält einen Orang-Utan auf dem Arm.
„Menschenaffen und Menschen gehören in eine Gruppe: Wir SIND Menschenaffen. Unsere Sprache verführt immer wieder dazu, eine real nicht existierende Grenze zwischen Mensch und Tier zu ziehen. Wenn man ,Tierwörter‘ wie Pfoten statt Hände verwendet, wird man zumindest den Menschenaffen nicht gerecht.“ Dr. Signe Preuschoft. Foto: Jejak Pulang | F Foto: Jejak Pulang | FOUR PAWS | Daniel Rosengren OUR PAWS | James Mepham

Im Bukit-Tiga-Puluh-Nationalpark wäre Platz genug, doch ein Export von Borneo-Orang-Utans nach Sumatra kommt nicht in Frage. Auf den beiden Inseln leben zwei unterschiedliche Arten von Orang-Utans, die sich genetisch unterscheiden und geografisch getrennt bleiben müssen. Dr. Preuschoft ist dennoch optimistisch, sich mit der Regierung bald auf ein Auswilderungsgebiet auf Borneo zu einigen. „Die Orang-Utans sind rechtlich gesehen Eigentum des Staates, und der muss sich um geeigneten Lebensraum kümmern. Uns bleibt nichts anderes übrig, als mit allen Beteiligten zusammenzuarbeiten. Aber es lohnt sich! Orang-Utans sind uns so ähnlich. Sie verdienen unsere Sympathie und brauchen unsere Unterstützung.“


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