Kunst-WM in Venedig
Von Anfang Mai bis Ende November 2026 ist Venedig wieder Kunsthauptstadt der Welt. Ein schneller Rundgang über die 61. Kunstbiennale.
Hier hat sich eine kleine Schlange gebildet. Vor dem japanischen Pavillon in den Giardini warten Besucher geduldig, bis sie sich eines der „Leih-Babys“ schnappen dürfen, um mit ihm die Kunstinstallation von Ai Arakawa-Nash zu besuchen. Im Pavillon wimmelt es nur so von freundlichen Babypuppen mit coolen Outfits und Sonnenbrillen, sie hängen an Kletterseilen, sitzen vor Fernsehern, lugen über Mauern, liegen im Garten in der Sonne – fast wie Gartenzwerge wirken sie. Und dazwischen Frauen, Männer, Kinder, die eine der erstaunlich schweren Leih-Babypuppen im Arm halten. Die einen vorsichtig, so als würde es sich um ihr eigenes Baby handeln, andere haben die Puppe auch schon mal unter den Arm geklemmt oder über die Schulter gelegt. Aus Lautsprechern dringt ab und zu freundliches Babygebrabbel. Ob das Kunstwerk eine Reaktion auf die niedrige Geburtenrate in Japan ist? Es ist für viele Interpretationen offen.

Wesentlich längere Besucherschlangen gibt es regelmäßig vor dem österreichischen Pavillon. Hier hat die Performencekünstlerin und Regisseurin Florentina Holzinger die „Seaworld Venice“ ausgerufen. Nackte Frauen rasen live auf Jetskis übers Wasser des gefluteten Pavillons oder tauchen in einem Aquarium mit uringelbem Wasser ab. Holzinger, die ihre Performerinnen auch sonst meist nackt auf die Theaterbühnen bringt und ihnen dort körperliche Höchstleistungen abfordert, ist sicherlich die Künstlerin, die auf der diesjährigen Biennale für die meiste Aufmerksamkeit sorgt.
Raupenfrauen und Marienkäfer
Zwischen diesen Polen – „niedlich“ und „nackte Wasseraction“ – bewegen sich die Kunstbeiträge in den anderen 28 Länderpavillons in den Giardini, den Napoleonischen Gärten. Sie bilden das Zentrum jeder Kunstbiennale. Die Künstlerin Rosana Paulino bevölkert den brasilianischen Pavillon mit kleinen Skulpturen von Mischwesen, halb Frau, halb Raupe. Die britische Künstlerin Lubaina Himid stellt sich und dem Publikum 26 Fragen und beantwortet einige davon mit ihren Gemälden. Bei den Skandinaviern sitzen Figuren mit Bezug zu nordischen Mythen und Märchen auf einem riesigen Baumstamm.
Den deutschen Pavillon haben Henrike Naumann und Sung Tieu gestaltet. Unter dem Titel „Die innere Front“ nähert sich Naumann den deutschen Befindlichkeiten während und nach der deutschen Teilung an, hängt halbe Stühle an die Wand und einen riesigen eisernen Vorhang von der Decke. Ihre Kollegin Sung Tieu, die mit ihrer Mutter 1992 aus Vietnam nach Sachsen kam, verwandelte die Fassade des Pavillons in die des Plattenbaus in Berlin-Lichtenberg, in dem sie von 1994 bis 1997 mit ihrer Mutter wohnte, und in dem bis 2002 viele Vietnamesen in schlechtesten Wohnverhältnissen lebten. Und im Inneren bevölkert sie u. a. einen Raum mit hunderten von Schokoladen-Marienkäfern – ob Glücksbringer oder Kakerlaken: nur eine Frage der Anordnung und Perspektive!

Henrike Naumann hat die Eröffnung der Kunstbiennale und des deutschen Pavillons leider nicht mehr erleben dürfen. Mit 41 Jahren ist sie am 14. Februar 2026 einem zu spät erkannten Krebsleiden erlegen. Auch die Leiterin der Kunstbiennale, Koyo Kouoh, erlebte die Eröffnung der von ihr konzipierten Schau nicht: Sie starb bereits im Mai 2025 – ebenfalls an Krebs. Ihr Team hat die Mega-Ausstellung in ihrem Sinne fertig kuratiert und ihr damit ein bleibendes Denkmal gesetzt.
Kunst im Arsenale
Während der Kunstbiennale wird nicht nur in den Giardini Kunst ausgestellt, auch im Arsenale zeigen zahlreiche Künstler aus aller Welt ihre Werke. Ein Besuch dieses zweiten Schauplatzes der Kunstbiennale lohnt allein schon wegen der Location. Dem riesigen ehemaligen Werft- und Hafengelände verdankt Venedig seinen Reichtum. Hier wurden die Handels- und Militärflotten im Akkord gebaut, die Venedig vom 12. bis 16. Jahrhundert die Vormacht im östlichen Mittelmeer sicherten. Dieses Gelände war seither stets abgeschottet und für Besucher tabu. Auch heute sind weite Teile militärisches Sperrgebiet – die italienische Kriegsmarine betreibt hier einen Stützpunkt. Aber während der Biennale kann man eine der riesigen Hallen des Arsenale betreten und einen Eindruck von der Größe des Areals gewinnen.
„Eventi collaterali“
Neben den Giardini und dem Arsenale sind weitere Ausstellungsräume von Ländern über die Stadtviertel Venedigs verstreut – und es gibt auch jede Menge zusätzlicher Kunstausstellungen, die „eventi collaterali", die zwar nicht direkt mit der Kunstbiennale zusammenhängen, aber ihren Kontext nutzen. Interessant dabei ist, dass man beim Besuch oft in Palazzi kommt, die einem ansonsten verschlossen bleiben.
Wenn Sie nicht viel Zeit haben, um sich Ihr eigenes Venedig-Kunstbiennale-Programm zusammenzustellen, bietet Ihnen kultimer, Eventreisen von Studiosus, zu verschiedenen Terminen im Herbst eine fünftägige Reise in die Lagunenstadt an. Es erwartet Sie ein perfekt organisierter Kunsttrip: Neben dem Besuch der Länderpavillons und dem Arsenale stehen die Punta della Dogana, umgebaut durch Stararchitekt Tadao Ando und seither Heimat zeitgenössischer Kunst aus der Sammlung des Unternehmers Francois Pinault, sowie die Sammlung Peggy Guggenheim auf dem Programm. Und der Studiosus-Reiseleiter hat natürlich jede Menge (Geheim-)Tipps für weitere Unternehmungen parat.